Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation: RAI

Was ist RAI?

Das Modellprojekt «Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation» (RAI) ist ein Basisprojekt des Konsortiums InfectControl 2020 im Rahmen der Fördermaßnahme «Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation» des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). InfectControl 2020 hat sich die Entwicklung, Validierung und Umsetzung neuer Strategien zur Infektionsbekämpfung zum Ziel gesetzt. RAI zeichnet sich dadurch aus, dass sich erstmals in Deutschland sektorenübergreifend Human- und Tiermediziner gemeinsam mit Designern und Kommunikationsexperten in einem Projektverbund dem Thema Antibiotikaeinsatz und Resistenzentwicklung widmen.

Beteiligte Projektpartner sind:

Warum RAI?

Eine infektiologische Herausforderung unserer Zeit ist die Zunahme von multiresistenten Erregern (MRE). Insbesondere bei gram-negativen Bakterien verbreiten sich Resistenzmechanismen, die dazu führen, dass nur noch wenige wirksame Antibiotika für die Infektionsbehandlung zur Verfügung stehen.

Da relevante Wirkstoffneuentwicklungen derzeit nicht in Aussicht sind, ist die rationale Anwendung der verfügbaren Antibiotika wichtiger als je zuvor.

Das Problem der Resistenzentwicklung ist vielschichtig. Potentiell beeinflussbare Faktoren liegen im tiermedizinischen und landwirtschaftlichen Bereich, in der stationären und ambulanten Humanmedizin, aber auch bei der Aufklärung von Fernreisenden.

Das gemeinsame Ziel aller Projektpartner ist es, die Resistenzentwicklung einzudämmen bzw. zu verlangsamen. Dafür werden Botschaften und mögliche Interventionswerkzeuge (Tools) spezifisch auf die verschiedenen Akteure zugeschnitten und auf deren Bedürfnissen angepasst. Daher bezieht RAI von Projektstart an die verschiedenen Akteursgruppen durch qualitative und quantitative Methoden in die Tool-Entwicklung mit ein.

 

 

Wer wird angesprochen?

Basierend auf dem Gedanken des One Health-Konzepts bindet RAI die verschiedenen Akteure mit ein. Adressiert werden auf Seite der Verordnenden Hausärzte, Tierärzte, Chirurgen und Intensivmediziner, auf der Anwender-Seite vor allem ambulante Patienten, Betreiber von schweinehaltenden Betrieben, die Allgemeinbevölkerung im Sinne von potentiellen Patienten sowie Fernreisende.

Organisation und Ablauf

Geplant ist eine informations- und kommunikationsbasierte, multimodale nutzerzentrierte Intervention zum Thema Antibiotika und Resistenzentwicklung in den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Thüringen. Als Kontrollgruppe sollen die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern dienen.

 

Zielgrößen für die Evaluation der Kampagne sind Antibiotika-Verbrauchsdaten im ambulanten, stationären und tiermedizinischen Bereich sowie regionale und stationsbezogene Antibiotika-Resistenz-Daten. Zusätzlich soll abschließend eine Analyse der Kosteneffektivität durchgeführt werden.

Der Entwicklung der Vermittlungsinstrumente geht eine umfassende qualitative und quantitative Analyse der verschiedenen Zielgruppen voraus. Der Beginn der Intervention ist für das 3. Quartal 2016 angesetzt, das Ende für Juli 2017.

Erste statistische Auswertungen sind Ende 2017 zu erwarten. Eine zweite Analyse zur Ermittlung der Nachhaltigkeit folgt unter Einbeziehung der Daten nach Abschluss der Interventionsphase. Begleitend führt das Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der FU Berlin eine Diskursanalyse zum Thema durch. Das Robert Koch-Institut untersucht Risikofaktoren für den Erwerb multiresistenter Erreger auf Fernreisen.

Arbeitsschwerpunkte

  • AS 1 | Koordination, Messen, Analysieren - Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin

    Leitung: Prof. Petra Gastmeier

    Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin koordiniert als Verbundprojektleitung die Vernetzung aller am Projekt beteiligten und assoziierten Partner.

    Zusätzlich zur Projektleitung verantwortet das Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité das Datenmanagement und die Messung der Interventionseffekte. Hierzu werden Primär- und Sekundärdaten zu Antibiotika-Einsatz und -Resistenzen aus den verschiedenen Bereichen zusammengeführt, informationstechnisch verarbeitet und statistisch ausgewertet.

    Ansprechpartner: Dr. S. Schneider, Dr. Florian Salm: florian.salm {at} charite.de

  • AS 2 | Veterinärmedizin - Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen, Freie Universität Berlin

    Leitung: Prof. Lothar Wieler

    Das Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen des Fachbereichs Veterinärmedizin führt Untersuchungen bei den Zielgruppen Landwirte (schweinehaltende Betriebe) und Tierärzte (Betreuung schweinehaltender Betriebe) durch. Im Rahmen des Arbeitsschwerpunktes möchten wir einen Einblick in die aktuelle Situation zum Einsatz von Antibiotika bei landwirtschaftlichen Nutztieren am Beispiel der Schweinehaltung gewinnen. In der ersten Projektphase werden hierfür Daten zur Risikowahrnehmung und zur Einstellung bezüglich des Einsatzes von Antibiotika und der Entwicklung von Resistenzen erhoben. Dies erfolgt sowohl bei Verschreibern (Tierärzten) als auch bei Anwendern (Landwirten). Des Weiteren sollen mögliche Unsicherheiten in Bezug auf die Antibiotika-Verschreibung und -Anwendung in den beiden Zielgruppen identifiziert werden. Basierend auf den Ergebnissen werden in der zweiten Phase Informations- und Kommunikationstools erarbeitet, die sich an entscheidenden Stellen in die täglichen Handlungsabläufe einfügen.

    Ziel ist es, grundlegende Erkenntnisse zur Motivation und Risikowahrnehmung bezüglich des Antibiotikaeinsatzes unter Berücksichtigung der Bedingungen der konventionellen Schweinehaltung zu erhalten. Darüber hinaus sollen den teilnehmenden Landwirten und Tierärzten die entwickelten Tools zur Verfügung gestellt und die Änderungen im Antibiotika-Anwendungsverhalten dokumentiert werden.

    Ansprechpartner: Dr. Esther-Maria Antão -  antao.em {at} fu-berlin.de

  • AS 3 | Öffentlicher Diskurs - Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Freie Universität Berlin

    Leitung: Dr. Markus Lehmkuhl

    Das Teilvorhaben RAI-TV2-AS3 (Öffentlichkeit) ordnet sich in einen Kontext von Bemühungen ein, die Wahrnehmung, Bewertung und Bearbeitung relevanter Risikolagen analytisch zu durchdringen und aus den gewonnenen Erkenntnissen Formate der Wissenschaftsvermittlung abzuleiten. Diese sollen zu einem rationaleren gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit beitragen. Das Arbeitsziel besteht darin, Visualisierungen in der Form von zwei- und dreidimensionalen und dynamischen Informationsgrafiken zu entwickeln, um gesellschaftlich relevante Gefährdungslagen wie etwa Antibiotika-Resistenzen in der Kommunikation mehrdimensional darzustellen. Auf Basis einer Diskursanalyse ist es das Ziel Bedrohungen visuell so zu verdichten, dass naturwissenschaftliche Bewerter von Risikolagen mit extremer Unsicherheit behaftete Prognosen sachgerecht kommunizieren können – ohne dabei durch einfache Prognosen, die sich nicht bestätigen, in den Sog gesellschaftlichen Ideologisierungsgeschehens gezogen zu werden.

     

    Ansprechpartner: Evgeniya Boklage: evgeniya.boklage@fu-berlin.de

  • AS 4 | Stationäre Infektiologie - Zentrum für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Jena

    Leitung: Prof. Mathias Pletz

    Das Teilvorhaben AS4 (Stationäre Infektiologie) hat zum Ziel, über ein «Train the Trainer»-System den Einsatz von Antibiotic Stewardship (ABS) -Programmen in Krankenhäusern in den Modellregionen zielgruppenorientiert zu etablieren. Auf diese Weise soll die Qualität der Verordnung von Antiinfektiva verbessert werden und zum rationalen Antibiotikaeinsatz beigetragen werden. Dabei stehen die Intensivstationen mit dem im stationären Bereich höchsten Antibiotikaverbrauch pro Pflegetag und der höchsten Rate an nosokomialen Infektionen sowie die perioperative Antibiotika-Prophylaxe im Fokus.

    Ansprechpartner: Dr. Anne Moeser -  anne.moeser {at} med.uni-jena.de

  • AS 5 | Allgemeinmedizin - Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Jena + Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin

    Gemeinsame Leitung: Prof. Jochen Gensichen, Prof. Petra Gastmeier

    Im Fokus des Arbeitsschwerpunktes 5 steht die Patientenversorgung durch Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten. Schwerpunkt ist die ambulante Antibiotikaverschreibung bei akuten Atemwegsinfektionen. Hervorgerufen werden diese Infektionen häufig durch Viren, sie erfordern dann keine antibiotische Therapie. Aber auch nicht jeder Patient mit einer leichten, bakteriellen Infektion profitiert automatisch von einer antibiotischen Behandlung. Wenn bei bakteriellen Atemwegsinfekten eine Antibiotikatherapie erforderlich wird, spielt die richtige Auswahl des Wirkstoffs eine wichtige Rolle. Bestimmte Wirkstoffgruppen sollten für krankenhauspflichtige Patienten reserviert werden.
    Ziel des Teilvorhabens ist es, durch sinnvolle Informations- und Kommunikationstools den rationalen Antibiotikaeinsatz in den teilnehmenden Praxen zu fördern sowie die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte in der Patientenaufklärung zu unterstützen.

    Ansprechpartner: Dr. Florian Salm - florian.salm {at} charite.de

  • AS 6 | Reisemedizin - Robert Koch-Institut

    Leitung: Dr. Tim Eckmanns

    Das Vorhaben deckt insbesondere die Bereiche "Mobilität" und "Reisen" ab, die in einer zunehmend vernetzten Welt Einflüsse auf die ambulante und stationäre medizinische Versorgung haben. Das Teilvorhaben hat direkten Bezug zur medizinischen Versorgung. Einerseits erfasst es vorhandenes Wissen und Wissenslücken bei Ärzten und Reisenden, andererseits sollen bisher nicht bekannte bzw. erkannte Risikofaktoren erforscht werden. Die Ergebnisse sollen gezielt kommuniziert werden. Ziel ist es, eine Ausbreitung von multiresistenten Erregern durch Reisen in Gebiete mit hoher Prävalenz bzw. endemischem Vorkommen und den Kontakt mit Gesundheitseinrichtungen nach Reiserückkehr verringern zu können.

    Ansprechpartner: Dr. Tim Eckmanns -  eckmannsT {at} rki.de

  • AS 7 | Design und Toolentwicklung - Lindgrün GmbH + Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin

    Leitung: Regina Hanke

    Die Aufgabe dieses Arbeitsschwerpunkts ist die übergeordnete Planung und Durchführung der Toolentwicklung in enger Abstimmung mit allen Projektpartnern. Neben den qualitativen Erhebungen ist die Entwicklung der aus den Erkenntnissen resultierenden Interventionsmaßnahmen sowie die Entwicklung eines adaptierbaren und modularen Modells der integrierten Kommunikation das Ziel. Im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung wurde die Lindgrün GmbH als Partner-Agentur beauftragt.

    Ansprechpartner: Regina Hanke - r.hanke {at} lindgruen-gmbh.com

Wissenschaftlicher Beirat

Der Wissenschaftliche Beirat setzt sich aus Experten zusammen, die die Projektpartner von RAI mit Ihrem Fachwissen in den verschiedenen Teilprojekten unterstützen. Aufgabe des Beirats ist es, den RAI-Verbund unabhängig zu beraten. Diese Beratung erfolgt ehrenamtlich. Wir freuen uns, folgende Beiratsmitglieder gewonnen zu haben:

Prof. Attila Altiner | Direktor Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Rostock

Prof. Maria Deja | Leiterin Operative Intensivmedizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin

Prof. Christian Eckmann | Chefarzt Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Ärztlicher Direktor Klinikum Peine

Prof. Uwe Rösler | Leiter Institut für Tier- und Umwelthygiene, Freie Universität Berlin

Prof. Werner Solbach | Vize-Präsident Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e.V.

Wissenschaftliche Kooperationen

Die Komplexität der Thematik und die Breite der adressierten Akteursgruppen erfordern in einzelnen Arbeitsschwerpunkten die Etablierung von wissenschaftlichen Kooperationen, die über den RAI-Verbund hinaus gehen. Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Forschungsfeldern tragen mit zusätzlicher Expertise zum Gesamterfolg von RAI bei.
Mit folgenden Wissenschaftlern und Institutionen besteht eine aktive Zusammenarbeit:

Arbeitsschwerpunkt 1: Koordinieren, Messen, Analysieren
Dr. Bätzing-Feigenbaum | Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Arbeitsgebiet: Regionalisierte Versorgungsanalysen und Versorgungsatlas

Arbeitsschwerpunkt 2: Veterinärmedizin
Prof. Karl-Heinz Lahrmann | Freie Universität Berlin, Fachbereich Veterinärmedizin, Klinik für Klauentiere, Abteilung Schweinekrankheiten, Leiter der Klinik für Schweine

Prof. Lothar Kreienbrock | Tierärztliche Hochschule Hannover, Direktor des Instituts für Biometrie, Epidemiologie und Informationsverarbeitung

Arbeitsschwerpunkt 5: Allgemeinmedizin
PD Dr. Christoph Heintze | Charité - Universitätsmedizin Berlin, Kommissarischer Direktor am Institut für Allgemeinmedizin

Prof. Ulrich Schwantes | Medizinische Hochschule Brandenburg "Theodor Fontane", Professor für Allgemeinmedizin

Arbeitsschwerpunkt 6: Reisemedizin
PD Dr. Christoph Lübbert | Universitätsklinikum Leipzig, Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin

Arbeitsschwerpunkt 7: Design und Toolentwicklung
PD Dr. Cornelia Betsch | Universität Erfurt, Fachbereich Psychologie, Wissenschaftliche Leiterin des Center of Empirical Research in Economics and Behavioural Science (CEREB)